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Freies Lesen am Maximilian-von-Montgelas-Gymnasium-Vilsbiburg

Zur Rechtfertigung des freien Lesens

Bereits 1994 stellte Bettina Hurrelmann, Professorin am Seminar für deutsche und englische Sprache und ihre Didaktik der Universität Köln, fest: "Leseförderung ist demnach eine Provokation für die Professionalität von Literaturlehrerinnen und Literaturlehrern. Gefragt ist ihre Fähigkeit, Literatur nicht nur fachgerecht zu erschließen, sondern sie vor allem in den Horizont der Lernenden zu bringen, so dass ein Funke überspringt, ein Lesebedürfnis angesprochen wird, Neugier entsteht - und dass die Erfahrung gemacht werden kann, dass das Lesen persönliche Befriedigung und soziale Kompetenzen zu vermitteln vermag. Lesefördung braucht vielleicht weniger Literaturwissenschaft als Didaktik, aber eine Fachdidaktik von hoher Professionalität."
Dass Lesen in der Schule mehr, viel mehr sein muss als nur die gelegentliche "Lesestunde", haben auch der britische Kinder- und Jugendbuchautor Aidan Chambers sowie der Nestor der österreichischen Leseforschung Richard Bamberger wiederholt betont, die die Bedeutung einer ansprechenden "Leseumgebung" beziehungsweise eines guten Leseklimas an einer Schule für die Leseförderung verdeutlicht haben. Zu ihren Vorstellungen von einer anspruchsvollen Leseförderung gehört es, dass es an einer Schule keine lesefreien Räume geben darf.
Die Arbeiten von Fachdidaktikern wie der Schweizerin Andrea Bertschi-Kaufmann haben aber auch gezeigt, dass die Leseförderung in der Schule sich bisweilen am Leseverhalten Erwachsener orientieren, dass sie nach Möglichkeiten der Entschulung des Leseunterrichts suchen sollte: Leserinnen und Leser möchten Lesestoffe auswählen können. Dazu brauchen sie ein Angebot an Texten, das keineswegs beliebig, aber so vielseitig ist, dass möglichst alle darin etwas für sich finden können, das andererseits aber auch erlaubt, Vorlieben für bestimmte Lesestoffe, Themen und Sichtweisen in verschiedenen Büchern nachzugehen. Dass Buchlektüren mehrmals begonnen und eventuell auch abgebrochen werden, gehört ebenso dazu wie das wiederholte Lesen von Lieblingsbüchern oder von besonders liebgewonnenen Ausschnitten. Differenzierung und Individualisierung nach der Wahl des Lesestoffs, nach den Methoden und nach dem Umfang sind also wichtige Aspekte, wenn man das Ziel der Motivierung zum Lesen anstrebt.
Das Konzept des "Freien Lesens" ist eine Methode, die die Anregungen der modernen Leseforschung aufgreift, das Lesen als ständige Praxis in Schulen etabliert und Erfahrungen aufgreift, die in anderen Ländern gemacht worden sind. So ist in den USA 15 Minuten "free reading every day" ein Teil des Schulalltags.
Freies Lesen bedeutet in diesem Zusammenhang zunächst, dass die Schüler still einen frei gewählten Text lesen. Dieses freie Lesen bringt mehrere Vorteile mit sich:
Die Schülerin/Der Schüler entscheidet sich nach Interessenlage für eine bestimmte Lektüre.
Es ist ein individuelles Lesetempo möglich.
Der Erlebnisablauf wird nicht durch den Lehrer oder die Mitschüler gestört.

Das Konzept des "freien Lesens" am MMG

Im Oktober 2003 wurde das "freie Lesen" am MMG für die 5. und 6. Klassen, im September 2004 für die 7. Klassen eingeführt. Das "freie Lesen" soll ausschließlich in Vertretungsstunden stattfinden.
In Abstimmung, auch in gegenseitiger Finanzierung (Etat der Fachschaft Deutsch und der Kreis- und Stadtbibliothek am Maximilian-von-Montgelas-Gymnasium), wurden drei Bücherkisten, eine für die fünfte, eine für die sechste und eine für die siebte Jahrgangsstufe angeschafft. Diese sind in der Bibliothek deponiert, zu Beginn der Vertretungsstunde werden sie von zwei Schülern, die vom jeweiligen Deutschlehrer beauftragt worden sind, geholt und in das Klassenzimmer gebracht.
Die Lesekisten enthalten ungefähr 40 Bücher, darunter befinden sich auch mehrere Sachbücher, die das Leseinteresse der Jungen ansprechen sollen. Bei der Auswahl der Bücher (Siehe Anhang!) waren die Deutschlehrer bestrebt, verschiedene Formen der Kinder- und Jugendliteratur zu berücksichtigen: psychologischer Kinder- und Jugendroman, problemorientierte Kinder- und Jugendliteratur, Abenteuerromane, historische Romane, phantastische Kinder- und Jugendromane, Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Es sollten Texte sein, die faszinierende Leseerfahrungen vermitteln, die Werte, Grundlagen und Inhalte unserer Kultur vermitteln. In einem gewissen Umfang wurden aber auch quantitative Aspekte - wir orientierten uns ebenfalls am Verkaufserfolg von Jugendbüchern - und die Lesewünsche der Unterstufenschüler einbezogen.
Ein zweites Exemplar von allen Büchern, die in der Lesekiste sind, befindet sich in der Bibliothek, sodass Schüler, die in der Vertretungsstunde mit der Lektüre eines Buches angefangen haben und davon fasziniert sind, nicht warten müssen und sich dieses Buch sofort ausleihen können.
Über ihre Lektüre in den Vertretungsstunden müssen die Schüler ein Lesetagebuch führen. In den letzten fünf bis zehn Minuten der Vertretungsstunden sollen sie Eintragungen vornehmen. Dem jeweiligen Deutschlehrer bleibt es überlassen, inwieweit er die Gestaltung des Lesetagebuchs in seine Notengebung einfließen lässt.
Zu Beginn des Schuljahres erhielten die Schüler der Unterstufe ein "Hinweisblatt" zur Führung des "Lesetagebuchs", das Anregungen von Ingrid Hintz und Andrea Bertschi umsetzt. Empfehlenswert ist es, wenn im ersten Halbjahr der fünften Jahrgangsstufe ein Jugendbuch gelesen und besprochen würde und sich dabei geöffnete Phasen mit der Führung eines Lesetagebuchs im Unterricht und zu Hause mit einem angeleiteten Klassenunterricht abwechseln würden. Hier könnte der Lehrer die Schreibprozesse der Schüler besser überschauen, beratend begleiten und auch Veränderungs- und Verbesserungsvorschläge einbringen.

Hinweisblatt zum Lesetagebuch

Was ist ein Lesetagebuch?

Du führst es wie ein Tagebuch, in dem du Ideen, Gedanken, Fragen zu einem Text notierst. Deine Leseeindrücke kannst du auch in einer Skizze oder in einer Zeichnung festhalten. Zusätzlich passende Bilder oder Texte zum Beispiel aus Zeitschriften kannst du jeweils einkleben. Die Eintragungen sollen zu dir und den gelesenen Texten passen. Das Lesetagebuch führst du vor allem für dich selber; deine Lehrerin oder dein Lehrer sollen aber auch darin lesen können.
Warum sollst du ein Lesetagebuch führen?

Es hilft dir,
über das Gelesene nachzudenken und es besser zu verstehen,
Fragen zu besonderen Textstellen zu finden und zu formulieren,
dich an einzelnen Stellen des Buches "einzumischen",
dir eine eigene Meinung über das Buch zu bilden,
dich später an den Inhalt und die Personen des Buches zu erinnern.

Wie führst du das Lesetagebuch?

Du kannst
notieren, was du wann gelesen hast,
zu jedem Kapitel etwas schreiben oder zeichnen,
einzelne Kapitel kurz zusammenfassen oder nacherzählen,
aufschreiben, was du beim Lesen gedacht oder gefühlt hast,
Textstellen aufschreiben, die du besonders lustig, traurig oder spannend findest,
an geeigneten Stellen den Text verändern oder weiterschreiben,
Aussagen über eine Person aus dem Buch sammeln,
Personen des Buches zeichnen oder Steckbriefe für sie entwerfen,
an eine Person des Buches einen Brief schreiben,
aus der Sicht einer Person des Buches eine Tagebucheintragung oder einen Brief entwerfen,
aus einzelnen Textstellen eine Bildergeschichte oder einen Comic gestalten,
eine wichtige Seite abschreiben beziehungsweise fotokopieren und einkleben und kommentieren,
aufschreiben, was dir gut oder nicht so gut gefällt,
einen Brief an die Autorin beziehungsweise den Autor schreiben.

Tipps

Nimm am besten ein DIN-A5-Heft als Lesetagebuch!
Beginne jede Eintragung mit dem aktuellen Datum und der Seitenzahl oder Kapitelüberschrift!
Verwende eine besondere Farbe, wenn du etwas wörtlich aus dem Buch abschreibst!
Unterstreiche, was du besonders wichtig findest!

Der Erfolg des "freien Lesens" ist sicherlich zu einem Teil davon abhängig, inwieweit die Deutschlehrer der jeweiligen Klassen ihre Schüler von der Notwendigkeit der Führung eines Lesetagebuchs überzeugen.

Für den Deutschunterricht besitzt das Lesetagebuch zahlreiche Vorteile:
Es werden Methoden des vertieften Umgangs mit Büchern gelernt.
Die allgemeine Methodenkompetenz der Schülerinnen und Schüler wird gestärkt.
Lese- und Schreibprozesse werden miteinander verbunden.
Schüler entfernen sich eher von gewohnten schulischen Schreibweisen und befreien sich von dem Druck, der von Normierungen ausgehen kann.

Resümee der bisherigen Erfahrungen

In mehrfacher Hinsicht kann das Konzept des "freien Lesens" am MMG als er-folgreich bezeichnet werden:
Vertretungsstunden werden sinnvoll genutzt, was vor allem die Eltern der Schüler der Unterstufe schätzen. Aber auch die Kollegen, die Ver-tretungsstunden übernehmen müssen, genießen es , wenn die Schüler ruhig lesen und nicht anderweitig beschäftigt werden müssen. Auch da-durch wird das Leseklima an der Schule verbessert, wir kommen der Idealvorstellung, die Aidan Chambers von der " Leseumgebung" an Schulen besitzt, etwas näher.
Die Schüler lernen im Verlauf des jeweiligen Schuljahres ganz unter-schiedliche Texte kennen, es kommt zu Gesprächen zwischen den Schülern über die gelesenen Texte und es werden Informationen und Buchempfehlungen ausgetauscht.
Die Lesefreude unserer Schüler ist durch die Differenzierung und Indi-vidualisierung des Leseangebots in der Unterstufe gestiegen, wie die Ausleihzahlen der Kreis- und Stadtbibliothek am MMG deutlich erken-nen lassen.
Auch den Kollegen anderer Fächer ist deutlich bewusst geworden, dass Leseförderung nicht nur eine Aufgabe der Deutschlehrer ist. So werden auch verstärkt Empfehlungen für die Sachbücher von Kollegen der Fachschaften Biologie und Erdkunde geäußert.
Anhang:
Verzeichnis der Bücher in den Lesekisten der fünften bis siebten Jahrgangsstufe am MMG